Aus eigener Kraft

Mit dem Rennrad durch die Pyrenäen

Blutrache und Gipfelsieg

Am 3. Juli 1980 werden in einem kleinen Dorf in den Pyrenäen zwei Männer umgebracht. Fünfzehn Jahre später findet man den Dorfpotentaten tot auf. Susanne Schaber hat sich in ihrem wunderbaren Buch ‚Lesereise Pyrenäen‘ die Hintergründe näher angesehen. Sie verfolgt die Spur zurück bis ins Jahr 1889 als in Spanien die Grundgrenzen neu festgelegt werden. Im kleinen Dorf Tor entspringt daraus der Streit um das Eigentumsrecht an einem Berg. Heute werden Blutrache und offene Rechnungen aus der Franko-Diktatur hinter den Morden vermutet. Die Mörder wurden niemals gefunden.

Die Pyrenäen sind eine 430 Kilometer lange Gebirgskette und trennen die iberische Halbinsel vom restlichen Europa. Die Grenze zwischen Spanien und Frankreich verläuft entlang ihres Gebirgskamms. Am atlantischen Ende im Westen erheben sie sich aus dem Golf von Biscaya um im Osten in das Mittelmeer zu gleiten. Die Basken leben in der französisch-spanischen Grenzregion am Golf als eigene Ethnie jedoch ohne eigenem Staat. Ihrer Sprache kann weltweit keine Verwandtschaft mit irgendeiner anderen nachgewiesen werden. Einige Wissenschaftler vermuten, dass Europa nach der letzten Eiszeit vom iberisch-südfranzösischen Gebiet aus von den Ur-Basken besiedelt wurde und drei Viertel aller Europäer genetisch mit den Basken verwandt sind.

Edurne Pasaban besteigt am 18. Mai 2008 den Kangchendzönga, ihren zwölften Achttausender. Als sie aufbricht ist sie gesundheitlich angeschlagen. Nach vierzehn Stunden kommen sie und ihre Begleiter am Gipfel an. Für den Weg zurück sieht sie keine Chance mehr. Sie bittet die anderen alleine zum Basislager abzusteigen um das restliche Team zu retten. Sie möchte schlafen um zu sterben. Die letzten ergreifenden Schritte zum Gipfelsieg von Edurne Pasaban kann man auf Youtube sehen. Edurne wächst in den baskischen Pyrenäen auf und besteigt als Kind mit ihrem Vater neben den größten Gipfeln ihrer Heimat auch den Monte Blanc, das Matterhorn und den Monte Rosa. Danach studiert sie Maschinenbau. Ihre Begleiter lassen sie nicht am Kangchendzönga zurück. Pasaban besteigt noch die beiden fehlenden Achttausender und erhält vom spanischen König die höchste Auszeichnung die das Land an eine Sportlerin vergeben kann.

 

Col du Tourmalet, Col d’Aubisque, Col d’Aspin oder Col de Peyresourde sind beeindruckende Anstiege der Pyrenäen und Höhepunkt der seit 1903 ausgetragenen dreiwöchigen Tour de France, dem Olymp des Rennradsports. Aber auch die etwas jüngere Vuelta a España, neben dem Giro d’Italia die dritte große Länderrundfahrt, wird oft in den Pyrenäen entschieden. Bereits 78-mal war der Col du Tourmalet und 70-mal der Col d’Aubisque Teil der Streckenführung der Tour de France. Im Vergleich dazu sind die Alpenpässe, etwa L’Alpe d’Huez mit 29 Gewinnern, nahezu Neueinsteiger in die ‚Große Schleife‘. Als diese Monumente im Jahre 1910 das erste mal am Programm der Tour standen, flucht der spätere Etappensieger Octave Lapize bei der Ankunft am Col d’Aubisque in Richtung des Tourdirektors: ‚Ihr verdammten Mörder wollt uns alle umbringen!‘

Nicht besiegen sondern eins werden

Warum eigentlich fährt man mit dem Rennrad in die Pyrenäen ohne ein Berufsrennradfahrer zu sein? Konrad Paul Liessmann meint dazu in seinem großartigen Aufsatz Hommage an das Rennrad: „Alle Kunst aber, alles Schöne beginnt dort, wo jeder Zweck aufhört. Erst wenn das Fahrrad weder Transporthilfe noch Verkehrsmittel ist, erst wenn es ganz zu sich gekommen ist und bei sich sein kann, tritt es in einer Reinheit in Erscheinung, die auch nicht durch den Schweiß desjenigen getrübt werden kann, der sich seinen zweckfreien Imperativen überlässt. Und diese lauten: gleiten, klettern und mit hoher Geschwindigkeit hinabtauchen in die Tiefe des Seins.“

„Das Rennrad bringt nur jene Kraft auf den Asphalt, die im Körper eines Menschen steckt.“ Und in seinem Kopf und seiner Seele.

Die hohe körperliche Anstrengung steigert die emotionale und kognitive Sensibilität und man nimmt Dinge war, die sonst in der Dumpfheit des Alltags untergehen zu drohen oder tatsächlich untergehen. Der Respekt vor dem Berg ist bei jedem Anstieg groß, die Anspannung steigert sich oft über Tage hinweg, man verspürt seine eigene Kleinheit. Den Berg gab es bevor es Menschen gab. Er wird auch noch sein, nachdem der letzte Vertreter der Zeiterscheinung ‚Mensch‘ ausgestorben ist. Der Rennradfahrer bezwingt keinen Berg, er besiegt nicht die Natur. Ganz im Gegenteil: Er wird eins mit ihr.

Gerade bei den steilen Anstiegen in den Pyrenäen ist der Rennradfahrer nicht in der Lage die Blümchen am Straßenrand zu zählen. Dafür wird er eins mit dem Anstieg, geht in ihm auf. Das Erfahren der Pyrenäen mit dem Rennrad ermöglicht sie wirklich zu erfahren. Mit Körper, Kopf und Seele. Mit einer unvorstellbaren Sensibilität und Intensität.

Abreise aus einer Weltstadt

Graz ist eine Weltstadt. Zumindest wird jeder Flug der in Graz beginnt zu einer Weltreise. Wenn er über Frankfurt geht, wird er auch zu einer Busreise. Für einen Grazer ist Frankfurt eigentlich ein Busbahnhof der von Außenpositionen für Flugzeuge umgeben ist.

Die Gastronomie am Flughafen Frankfurt ist großartig, vor allem die vietnamesische. Die vier Stunden Wartezeit werden zur Frühstücks-, Brunch- und Mittagszeit und ermöglichen es der drohenden Bordverpflegung zu entkommen.

Gleich nach der Landung in Bilbao wird das Leihauto abgeholt das dem Überwinden der Flachstrecken zwischen den Anstiegen dient. Schon in das zweite passen die Räder hinein, nach einigen Umbauten auch noch das Gepäck und schließlich sogar die Passagiere.

Während die Pyrenäen am Golf von Biscaya in den Atlantik fallen geht die Reise nach der Ankunft weiter in den Westen Spaniens: Hinein in das Kantabrische Gebirge um am nächsten Tag von Oviedo aus zwei besondere Anstiege zu bewältigen.

Der Angliru ist wirklich steil

Miguel Prieto ist Ende der 1990er Jahre Sponsor eines der weltbesten Radprofiteams und Direktor der spanischen Blindenstiftung. Trotz seiner starken Seebehinderung sucht er immer nach neuen Gipfeln für den Radsport. Als er im spanischen Asturien den La Gamonal von der Bergarbeiterstadt La Vega aus erkundet findet er einen 12 Kilometer langen Ziegensteig der ewig lange Teilabschnitte mit über 20, oft bis zu 24 Prozent Steigung aufweist. Das gibt es im Profiradsport sonst nirgendwo auch nicht beim Giro mit seinem Mortirolo. Nachdem Prieto die Einwohner von La Vega überreden kann den von ihnen ‚Angliru‘ genannten Anstieg zu asphaltieren, schlägt er dem Renndirektor der Vuelta vor die Strecke in das Programm aufzunehmen.

 

1999 ist es dann soweit. Während andere Weltklassefahrer von ‚Inferno‘ und ‚Unmöglichkeit‘ sprechen, gewinnt der spanische Bergfahrer José Maria Jiménez die Etappe seiner Heimatrundfahrt. Er widmet den Sieg seinem italienischen Freund Marco Pantani. Im Winter 2003/2004 nehmen sich die talentiertesten Radprofis ihrer Generation beide das Leben.

Die Auffahrt gehört tatsächlich zum Härtesten das der Berichterstatter kennt. Das Vorderrad hebt sich laufend vom Boden und auch bei maximaler Dauerleistung werden gerade 35 Umdrehungen erreicht. Eine Spur weniger an Leistung würde reichen um einfach samt Rad umzufallen. Dann kommt auch noch eine Straßensperre durch Langhornrinder die es zu umfahren gilt. Was machen die auf einem Ziegensteig? Die Auffahrt ist superhart und superschön. Die Passankunft ist überraschend und ohne das gerade noch sichtbare auf den Asphalt gepinselte Cima nicht wirklich als solche erkennbar.

Wieder zurück in La Vega ist die Hoffnung auf ein stärkendes Mittagessen groß. Die einzige Möglichkeit scheint ein Café zu sein, das ein Mittagsmenü anbietet. Zur Auswahl stehen je drei Vor-, Haupt- und Nachspeisen. Die sehr freundlichen jungen Gastgeber bemühen sich mittels Übersetzungsprogramm am Smartphone den Rennradfahrern einen Eindruck ihrer Auswahl zu vermitteln. Trotzdem scheint etwas schief zu gehen. Zur Vorspeise kommt eine riesige Portion Bohnen, die Zutaten sind von höchster Qualität und großartig zubereitet. Aber warum nur eine Schüssel für zwei Gäste und die Größe spricht eher für eine Verwechslung mit dem Hauptgang. Doch bald klärt sich alles auf. Es kommt eine zweite Schüssel und danach wunderbarer Fisch als Hauptgang. Schließlich noch eine Nachspeise, die auch als alleiniger Hauptgang selbst sehr hungrigen Angliru-Fahrern Freude machen würde. Die Rechnung ist ebenso einzigartig. Samt Getränke acht Euro pro Person.

Nach dem Inferno am Vormittag folgt am Nachmittag die Auffahrt ins Paradies. Ganz schön viel für den ersten Tag am Rennrad in den Pyrenäen. Das Paradies sind die Lagos de Covadonga. Sie tragen die Namen Enol und Ercina und sind von Bergmassiven, saftigen Wiesen und weidenden Kühen samt Geläute umgeben.

Der spektakuläre Anstieg über 14 Kilometer von Soto de Cangas aus wird vom fünffachen Tour de France Sieger Bernhard Hinault als ‚einer der härtesten der Welt‘ bezeichnet. Ein anderer fünffacher Tour-Sieger, Miguel Indurain, steigt hier 1996 während der Vuelta vom Rad und beendet seine Karriere – er hat genug vom Radsport.

Die Auffahrt gehört zu den schönsten die der Berichterstatter jemals fahren durfte. Eigentlich wie nicht wahr.

Von Menschenhand gemachte Hölle

Nach den fulminanten Anstiegen auf den Angliru und zu den Lagos de Covadonga soll ein eher ruhiger zweiter Tag folgen. Ganz in der Nähe des Hotels beginnt der Anstieg zum Puerto de Urkiola. Noch vor 250 Jahren befuhren täglich bis zu 400 Karren diesen Pass um in die eine Richtung kantabrische Wolle und in die andere Manaria-Marmor zu transportieren.

Mitten im Baskenland herrscht bei Rundfahren die für Basken typische Radsport-Begeisterung, insbesondere auch bei Duellen am steilen Anstieg des Urkiola. Die sechs Kilometer lange Strecke geht oftmals schnurgerade aus, keine Serpentinen erlauben das Denken in Zwischenzielen. Auf der Passhöhe wird man von einem typisch baskischem Gasthaus mit eindrucksvoll gestalteter Außenfassade erwartet.

Der Anstieg alleine wäre wohl zu wenig für einen ganzen Tag, also fahren wir noch eine ordentliche Runde. Die erste Hälfte ist auch wirklich wunderschön, die zweite jedoch eine LKW-Hölle. Auch wenn die Lenker ausgesprochen rücksichtsvoll sind, ist es für Rennradsportler eher ungewohnt von Eisenbahnwaggons überholt zu werden, auch wenn diese von LKW-Tiefladern transportiert werden. Stärker kann der Kontrast wohl kaum sein. Wunderschöne unberührte Natur und von Menschenhand gemacht Hölle. Auch das ist ein bleibender Eindruck.

Nach diesem Warm-Kalt-Bad geht es ab in ein anderes Bad – nach Biarritz. Im äußersten Süd-Westen Frankreichs erwartet uns in Aquitanien ein nobles Seebad das bis Mitte des 19. Jahrhunderts ein unbedeutendes Fischerdorf ist und vom Walfang lebt. Als Napoleon III im Jahr 1854 für seine Ehefrau in Biarritz eine Residenz bauen lässt wird der Ort bald zum Treffpunkt des europäischen Adels. Auch Kaiserin Elisabeth von Österreich versucht hier ihren Weltschmerz zu kurieren. In den 1920 Jahren wird Biarritz dann die Hauptstadt des Charleston und einige Jahre später durch die Wellen der Biskaya zur Surfhochburg Europas. So etwas ähnliches wie ein Apfelstrudel schmeckt hier besonders gut – der Espresso sowieso.

Im Anschluss geht es weiter nach Lanne-en-Barétous in ein kleines Schloss. Da die Haupttüre verschlossen ist suchen wir die Hintertüre. Wir treffen den Schlossherren im Unterhemd mit Zigarette vor dem Fernseher und werden ganz besonders freundlich begrüßt. Seine Frau führt uns in den dritten Stock und vermittelt uns gleich die einzige Möglichkeit für ein Abendessen. Eine wunderbare Pizzeria in Gehweite.

Regenwetter und Paradies

Seltsames Klopfen in der Nacht folgt. Leider stammt es nicht vom Schlossgeist sondern Regentropfen prasseln auf das Dach. Vielleicht das Schlimmste was kommen kann nach diesen wunderschönen Sonnentagen. Erinnerung an eine fünfstündige Fahrt vor zwei Wochen über italienische Militärpässe bei strömendem Regen und Eiseskälte werden wach. Die Abfahrt nach dem Frühstück erfolgt also im Regengewandt. Dazu kommt nach einigen Irrfahrten mit dem Col de Lie ein unerwarteter Anstieg gleich zu Beginn. Die eigentliche Herausforderung ist aber die Abfahrt. Unmassen an Rollsplitt machen sie schwieriger als das Befahren eines zugefrorenen Wasserfalls.

Der Anstieg zum Col de Marie-Blanque von Escot aus erfolgt noch immer bei Regen und Nebel, begleitet von laut fluchenden amerikanischen Radsportlern denen die Steigung vielleicht doch zu heftig ist. Warum sie mit Zeitfahrrädern unterwegs sind bleibt unklar. Oben wartet eine großartige Hochebene mit mächtigen Pferden. Die amerikanischen Freunde sehen in ihnen gleich typische ‚Food-Horses‘.

Weiter geht es von Laruns aus auf den legendären Tour-de-France-Anstieg Col d’Aubisque. Er ist seit 1910 ein Eckpfeiler der Großen Schleife. Hintergründe zu diesem und zahlreichen anderen Anstiegen der großen Rundfahrten beschreiben Daniel Friebe und Pete Goding in ihrem großartigen Buch ‚Bergwertung’.

In einer der Kurven des Col d’Aubisque steht ein Denkmal das an den Niederländer Wim van Est erinnert. Als Gesamtführender rast er 1951 bei der Abfahrt gerade aus und stürzt 70 Meter in die Tiefe. Er überlebt, verliert aber das Gelbe Trikot. Geborgen wird er von den Rettungsmannschaften mittels 40 aneinander geknoteter Ersatz-Fahrradschläuchen.

Heute endet das Regenwetter knapp vor der Passhöhe des Col d’Aubisque. Nach dem Durchdringen der Nebelwolken strahlt plötzlich die Sonne und man fühlt sich im Paradies angekommen. Das Regenwetter ist vorbei, die Sonne bleibt bis zum Ende der Pyrenäenwoche ständiger Begleiter.

Die Abfahrt sollte eigentlich zum langen Anstieg auf den Col du Soulor führen. Stattdessen kommt allerdings nur eine kleine Auffahrt und dann zur großen Verwunderung des Berichterstatters die Passhöhe. Dass Auffahrten viel länger empfunden werden als geplant ist üblich, so kurz war aber noch keine. Auch der sehr freundliche Ziegenbauer kennt den Ort von dem der lange Anstieg starten sollte gar nicht, offensichtlich ist der ganz wo anders. Weiter geht’s mit der wunderschönen und langen Abfahrt vom Soulor nach Argelès Gazost auf einen Espresso samt Kuchen und weiter nach Luz-Saint-Sauveur. Trotz des sehr kurz ausgefallenen Anstiegs auf den Col du Soulor zeigt der Fahrradcomputer für heute 3.200 Höhenmeter und 130 zurückgelegte Kilometer.

Wie üblich kommt jetzt die größte Herausforderung. Wie schafft man es die zusätzlich verbrauchten umgerechnet acht Portionen Pasta unmittelbar nach der Ankunft am Nachmittag wieder aufzufüllen? Nach kurzer Suche ist ein geöffnetes und noch dazu großartiges Take-Away-Lokal gefunden. Warum großartig? Trotz Plastikgeschirrs hochwertiges Essen perfekt zubereitet! Auch das ist Frankreich.

Lourdes

 

Seit 1858 der Müllerstochter Bernadette Soubirous eine weiße Gestalt erscheint und ihr das Geheimnis einer heilenden Quelle enthüllt gehört Lourdes zu den meist besuchten Marienheiligtümern der Welt. Mehr als 5 Millionen Menschen pilgern jährlich zur Quelle um von ihrem Wasser zu trinken. Von mehr als 7.000 Wunderheilungen wird berichtet. Nur Paris hat mehr Hotelbetten. Eine kleine Kerze kostet zwei Euro fünfzig, eine große fünf und eine noch größere zwanzig. Eine Messe nur neunzehn.

 

Kurt Tucholsky schreibt in seinem Pyrenäenbuch im Jahr 1927 über die Atmosphäre in Lourdes: „Sie wanken auf Krücken, sie schleppen sich am Stock, sie werden auf Wagen dorthin gebracht, zweirädrige Sitzstühle, an denen vorn ein blaues Schild hängt: Schenkung von Fräulein M.P. 1904.“ Und weiter über die Quelle selbst: „… dieses Wasser wird nur zweimal am Tag gewechselt, nachmittags und abends. Hunderte baden also in demselben Bad, und das Wasser ist fettig und bleigrau. Wunden, Eiter, Schorf, alles wird hineingetaucht. Nur wenn sich jemand vergißt, erneuern sie es sofort.“

Das Schönste überhaupt

Direkt in Luz-Saint-Sauveur beginnt der 31 Kilometer lange Anstieg zum Felskessel Cirque de Gavarnie. Victor Hugo spricht von der ‚Arena der Natur‘ und Gustave Flaubert schlicht vom ‚Schönsten überhaupt‘. Etwas später entdeckt das auch die UNESCO und erklärt den Cirque zum Weltkulturerbe.

Die Auffahrt nach Gavarnie ist wunderschön und ruhig, der Ort eher gezeichnet vom Wintertourismus. Doch es geht weiter hinauf. Nach kurzer Nachfrage bei einer Souvenierhändlerin  ist der Anstieg zum 2.270 m hohen Port du Boucharo gefunden. Er führt mitten durch den Felskessel und zeigt eindrucksvoll dessen Großartigkeit. Ja, Flaubert weiß was er sagt. Schon bei der Auffahrt errichtet eine Schafherde ein freundliches Begrüßungskomitee für die Rennradfahrer und eine Art Straßensperre für störende Automobilisten. Bei der Abfahrt wird die Herde verstärkt durch ein unerschütterlich die Stellung haltendes Mutterschaf mit ihren beiden Lämpchen. Sie liegen mitten auf der Straße und weichen keinen Zentimeter.

Zurück in Luz-Saint-Sauveur bringt der Nachmittag die Anfahrt nach Ayros-Arbouix und von dort den Anstiegt zu einem weiteren Monument der Tour de France, den Hautacam.

Im Jahr 2000 führt die Etappe vom Wallfahrtsort Lourdes auf den Hautacam und es gewinnt sie der Baske Javier Otxoa. Zwei Jahre danach wird Otxoa beim Training in Malaga gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder von einem Auto angefahren. Sein Bruder stirbt sofort, Javier erleidet schwerste Kopf- und Lungenverletzungen. Die Ärzte raten die lebenserhaltenden Maschinen abzustellen. Er erwacht 65 Tage später aus dem Koma, gibt aber das Rennradfahren nicht auf. Bei den Paraolympischen Spielen 2004 in Athen gewinnt er Gold im Straßenrennen.

Ein Paragleiter kreist lange über dem Berichterstatter und fliegt immer näher der hochstehenden Sonne entgegen.

Doch der obligatorische Blick auf das Hinterrad vor Beginn der Abfahrt ist etwas beunruhigend. Fingernagelgroße Gummistücken lösen sich vom Mantel was bei Abfahrten insbesondere bei schlauchlosen Reifen doch eher zu Schwierigkeiten führen kann. Nach dem Eiertanz hinunter ins Tal scheitert der Versuch einen Schlauch unter den Mantel zu montieren kläglich. Der Mantel ist so eng dimensioniert, dass er einfach nicht auf die Felge will. Gleiches gilt für den nagelneuen Ersatzmantel aus dem Hotelzimmer. Die beiden Fahrradgeschäfte in Luz-Saint-Sauveur haben bereits geschlossen, also wird die Nacht wohl eine unruhige.

Rettung und Wahnsinn

Der nächste Morgen beginnt hoffnungsvoll. Doch das erste Geschäft erweist sich als reiner Fahrradverleih und will mir bestenfalls einen neuen Schlauch verkaufen. Das Problem wird nicht wirklich erkannt. Doch dann folgt im anderen Geschäft der wichtigste Mann der ganzen Woche. Er ist ein echter Fahrradmechaniker, erkennt das Problem und weiß was er tut. Das schafft Vertrauen, das gerade bei der Reifenmontage von hoher Bedeutung ist. Wir Rennradfahrer sind bei unseren Abfahrten mit über 80 km/h von einer Kontaktfläche mit der Straße abhängig die kleiner ist als zwei Ein-Euro-Stücke. Doch auch der Meister braucht drei Anläufe damit der Mantel zufriedenstellend montiert ist. Danach verlässt er kurz seine Werkstatt um im Freien tief durchzuatmen. Sichtlich gezeichnet. Am liebsten hätte ich ihn umarmt aus Dankbarkeit für die Rettung der restlichen Pyrenäendurchquerung.

Derart gestärkt folgt die Überfahrt von Luz-Saint-Sauveur nach Bagnères-de-Luchon. Den Col du Tourmalet, Col d’Aspin und schließlich den Col de Peyresourde gilt es zu überqueren – die ganz großen Pyrenäenanstiege der Tour de France. Es wird tatsächlich eine unglaublich schöne Fahrt.

1910 betrachtet Henri Desgrange, der Gründer der Tour de France, die Vorstellung über den Tourmalet zu fahren schlicht als ‚Wahnsinn‘. Alphones Steines, sein Kollege bei der Zeitschrift Auto und selbst aktiver Radsportler, will es genau wissen, schlägt alle Bedenken der Einheimischen in den Wind und startete im Jänner mit Auto und Chauffeur Richtung Pass. Aufgrund des meterhoch liegenden Schnees dreht der Fahrer bald um, Steines stapft alleine weiter. Der Suchtrupp findet ihn am nächsten Morgen völlig benommen und stark angeschlagen mit ruinierten Lackschuhen aber sichtlich triumphierend im Schnee liegend. Zurück im Tal und wieder bei Bewusstsein telegraphiert er seiner Zeitungsredaktion: ‚Gut über den Tourmalet gekommen. Strasse in gutem Zustand. Keine Schwierigkeiten für die Fahrer. Steines.‘ Sechs Monate später startet die erste Etappe über den Tourmalet um 3:30 Uhr morgens in Bagnères-de-Luchon.

Der Berichterstatter macht es sich einfacher und fährt die 1.400 Höhenmeter auf den Tourmalet im Juni, genießt es aber ebenso wie Steines. Statt dem Telegraph kommt allerdings das iPhone zur Verkündung der Ankunft zum Einsatz.

Weiter geht es Richtung Süden um mit dem Anstieg auf den Col d’Aspin zu beginnen.  Im Jahr 1910 fährt bei der Tour de France Eugène Christophe hier in ein Schlagloch, ruiniert dabei seine Gabel, trägt sein Rad die 10 Kilometer nach Marie de Campan hinunter, sucht die örtliche Schmiede und repariert in wenigen Stunden die Gabel selbst. Fremde Hilfe ist verboten. Doch leider erhält er 10 Strafminuten für das Anblasen der Schmiede durch den Gesellen.

Heute wurde die fremde Hilfe schon am Morgen bei der Reifenreparatur in Anspruch genommen aber davon weiß ja niemand. Und wenn doch, ist es auch egal.

Auf der Passhöhe des d’Aspin wartet wieder ein wunderschönes Empfangskomitee aus weißen Kühen. Auch einige Wohnmobile haben hier ihre Zelte aufgeschlagen, genießen die unglaubliche Atmosphäre und sind offensichtlich unbeeindruckt von den hervorragend funktionierenden, wohl von den saftigen Wiesen angekurbelten Stoffwechselvorgängen der weidenden Kühe. Weiter geht es nach Avajan um mit dem Anstieg auf den Col de Peyresourde zu beginnen.

Die große Herausforderung der letzten Passhöhe vor Bagnères-de-Luchon sind weniger wilde Klettereien als die Hitze. In den ersten Jahrzehnten der Tour de France gilt es am Peyresourde möglichst wenig Zeit zu verlieren in dem man nicht allzu lange Abkühlung in den Bächen entlang der Route sucht. Léon Scieur, Träger des Gelben Trikots, kühlte auf diese Art nicht nur seine Beine sondern auch seine Sandwiches.

Nach der Ankunft in Bagnères-de-Luchon wird gleich eine Möglichkeit gesucht die auf den 3.000 Höhenmetern verbrauchten Kalorien wieder aufzutanken. Im einzigen am Nachmittag geöffneten Restaurant zeigt der Koch nach ausführlichem Gespräch Verständnis für die besonderen Umstände. Die Pasta ist groß und auch sonst großartig. Eine halbe Stunde später folgt einige Schritte weiter das Abendessen samt Crepe.

Alle Häuser sind gleich

Der letzte Tag am Rennrad startet in Bagnères-de-Luchon und führt nach Andorra La Vella. Leider allerdings mit dem Auto, denn die 176 km wären mit den Rad traumhaft schön gewesen. Die Ankunft in La Vella ist aber eher ernüchternd. Es vermittelt den Eindruck eines Einkauftempels für zollfreien Alkohol und Tabak. Alle Häuser in Andorra scheinen die selben Fassaden aus dunklem Stein mit noch dunkleren Holzbalkonen zu haben. Die Hauptstadt ist eine Verkehrshölle, ihre Vororte ebenso. Ein Parkplatz für das Auto ist am Beginn eines solchen Vororts gefunden, die Räder sind ausgepackt und die Radtrikots angezogen.

Die Bergfahrt nach Ordino und weiter nach Arcalis kann losgehen. Der Anstieg soll unmittelbar am Parkplatz beginnen und nach 26 Kilometern eine Höhe von 2.223 Metern erreichen. Doch er endet bereits nach wenigen hundert Metern bei einem Tunnel der für Radfahrer gesperrt ist. Ein hilfsbereiter Automechaniker schlägt die Route geradeaus vor, doch diese führt nicht zum Ort Ordino sondern auf den gleichnamigen Berg der ganz wo anders als das angestrebte Ziel ist. Die Rückfahrt in das höllische Stadtzentrum samt den ständigen Duellen mit LKWs um Platz am Fahrstreifen ist die einzige Chance um den Anstieg nach Ordino ohne Tunnel zu beginnen.

Bereits nach einigen Kilometern wird es deutlich ruhiger und nach den Orten La Massana und Ordino sogar wunderschön. Der Anstieg ist lang aber ohne großen Klettereien. Er ermöglicht daran zu denken, dass Andorra nur rund ein Zehntel der Fläche des Burgenlandes besitzt und trotz der Bevölkerungsexplosion in den letzten Jahrzehnten mit seinen 70.000 Einwohnern gerade ein größeres Fußballstadion füllen kann. Als einziges Land der Welt hat es einen ausländischen Amtsträger zum Staatsoberhaupt, dafür sogar gleich zwei davon: den Bischof von Urgell und den Präsidenten von Frankreich. Die Amtssprache Andorras ist Katalanisch das von einem Drittel der Einwohner als Muttersprache angegeben wird. Ein etwas kleineres Drittel hat Kastillisch in die Wiege gelegt bekommen, einige Portugiesisch und nur 5 Prozent Französisch.

Die Ankunft bei der Schistation Ordino-Arcalis zeigt jedoch leider was der hoch technisierte Schitourismus anrichtet. Gerade im Sommer sind die riesigen leerstehenden Parkplätze und all die unbenutzten Schilifte tiefe Wunden in der Natur. Die Abfahrt bringt ein spätes Mittagessen und die Weiterfahrt mit dem Auto an die Mittelmeerküste. Das Ende der Pyrenäendurchquerung ist nahe.

Der Ort Collioure ist eigentlich nur als letzte Nächtigung vor dem Rückflug aus Toulouse vorgesehen, entwickelt sich aber zu einem Höhepunkt der Reise.

Glück gehabt

Das ehemals auf Anchovis spezialisierte Fischerdorf Collioure hat heute rund 3.000 Einwohner und ist ein unheimlich charmantes Seebad an der Côte Vermeille. Nur wenige Kilometer südlich gleiten die östlichen Pyrenäen ins Mittelmeer. Collioure ist geprägt von zwei Hafenbuchten die durch eine 1.500 Jahre alte Königsburg verbunden sind und eine ins Meer ragende Wehrkirche einschließen die lange als Leuchtturm diente.

Die zahlreichen Brasserien laden zur hervorragenden südfranzösischen Küche ein mit deren typischen Verbindung von Tradition, Modernität, hohem Qualitätsanspruch, Charme und Gemütlichkeit. Ein besonderer Glücksvogel unter ihnen ist die Brasserie Hôtel des Templiers. Als heute berühmte Künstler wie Henri Matisse, Maurice Utrillo und Pablo Picasso nach Collioure kamen waren sie nicht berühmt und hatten noch weniger Geld. Sie gaben dem Wirt einige ihrer Werke als Dank für großartiges Essen. Und das Enkerl des Wirts hat heute unbezahlbare Originale, die noch dazu in seiner Heimatstadt entstanden sind.

Aus eigener Kraft

Die Pyrenäen in sechs Tagen zu durchqueren bedeutet für den Berichterstatter 28 Stunden am Rennrad zu verbringen um 14.000 Höhenmeter und 600 Fahrkilometer zu bewältigen. Die Höhe der Anstiege entspricht etwa dem Pensum eines Berufsrennradfahrers während der Österreichrundfahrt. Oder eines Bergsteigers, der in einer Woche viermal vom Basislager den Mount Everest besteigt. Der hat allerdings weniger Sauerstoff zur Verfügung.

Für die Durchquerung der Pyrenäen wird die Energie von 42 Portionen Pasta zusätzlich zum normalen Bedarf verbraucht, das sind sieben große Teller am Tag. Es gilt Körper, Kopf und Seele ausreichend mit Energie zu versorgen um die in diesen Zeilen ein wenig geschilderten Eindrücke auch tatsächlich erleben zu können.

Der Abschied in Collioure ist großartig und ein Lebenserlebnis geht dem Ende zu. Aber nicht wirklich. Es bleibt auf ewig.