Der portugiesische Jakobsweg

Mai

2017

560 Kilometer in zwei Tagen

Die meisten Pilger nähern sich Santiago de Compostela im spanischen Galizien von den östlich gelegenen Pyrenäen aus. Einige jedoch kommen aus dem südlichen Portugal um die Reliquien des Apostel Jakobus zu besuchen.

Jakobus der Ältere, wie sein Bruder Johannes einer der zwölf Apostel von Jesu Christi, führte Missionstätigkeiten auf der iberischen Halbinsel mit überschaubarem Erfolg durch. Zurückgekehrt nach Jerusalem wird er durch König Herodes Agrippa I. im Jahr 44 hingerichtet. Die Legende schildert, dass nach der Hinrichtung zwei Freunde den Leichnam stehlen und ihn auf ein Schiff verladen, dessen Besatzung aus unsichtbaren Engeln besteht. Nach sieben Tagen strandete der Leichnam zusammen mit großen Muscheln, den späteren Jakobsmuscheln, an der Küste Galiziens. Dort wird er auf einen Ochsenkarren verladen und an dem Ort, an dem sich die Ochsen niederlassen, begraben. So die Legende.

Im 9. Jahrundert wird das Grab von Jakobus wiederentdeckt. Während der Kämpfe gegen die Araber werden die Reliquien an jenen Ort gebracht, wo sich heute die Kathedrale in Santiago de Compostela befindet. Santiago ist gemeinsam mit Jerusalem und Rom die wichtigste Pilgerstätte der Katholischen Kirche.

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Porto und der Jakobsweg

Porto ist mit rund 230.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Portugals. Sie liegt am Douro vor dessen Mündung in den Atlantischen Ozean und ist eine der ältesten Städt Europas. Sie ist geprägt von ihrer wunderschönen Altstadt mit zahlreichen Kirchen und Brücken. Für Pilger aus dem Süden ist sie der Ausgangspunkt für den „Caminho Português“, den portugiesischen Jakobsweg. Porto und mit ihm der ganze Norden bis zur spanischen Grenze, hat zur Freude des Rennradfahrers unzählige unverfugte Kopfsteinpflaster, die das Rad und seinen Lenker unglaublich durchbeuteln.

Um halb vier Uhr in der Früh wird der Reiskocher eingeschaltet und ein herrliches Frühstück zubereitet. Eine halbe Stunde danach passt das Rennrad gemeinsam mit seinem Fahrer gerade noch in den schmalen Lift im dritten Stock. Doch schon nach zwei Stunden entschädigt der wunderschöne Sonnenaufgang für die anfängliche Enge. Kurz nach dem zweiten Frühstück, 280 Kilometer wollen gefahren werden, wird der Rio Minho überquert und Spanien erreicht. Die ersten Pilger zeigen sich, Hinweistafeln mit Jakobsmuscheln weisen den Weg und der Rennradfahrer genießt die Weingärten entlang der Strecke.

Die Jakobsmuschel als Zeichen des Pilgerwegs.

Das beruhigende Gefühl am richtigen Pfad zu sein

Vor der tief ins Landesinnere reichenden Meeresbucht Ria de Vigo im südwestlichen Spanien schlägt die Orientierung des Rennradfahrers wieder einmal voll zu. Statt in der Nähe des Pilgerweges zu bleiben, kommt eine mehrere Stunden andauernde Irrfahrt durch die Berge. Wegen den besonders steilen Straßen ist das Vorderrad meist in der Luft, die selten vorbeikommenden Autos fahren mit Vollgas um die Steigung zu schaffen und der Rennradfahrer flucht ziemlich. Doch nach elf Stunden im Sattel haben auch diese Anstiege ein Ende.

Die Pilgergruppen werden dichter und die Hinweisschilder nach Santiago häufiger. Das Ziel scheint nahe – doch es wird erst nach 13 Stunden am Rad erreicht – und das weiterhin stetig bergauf. Gleich bei der Einfahrt steht eine Kirche. Die im benachbarten Cafe sitzenden Einheimischen belächeln die Frage, ob es sich um die Kathedrale handle. Nein, die ist im fünf Kilometer entfernten Stadtzentrum. Die Fahrt dorthin ist geprägt von mehrspurigen Einfallsstraßen zwischen Plattenbauten im Stile von ostdeutschen Statellitenstädten der 1980er Jahre.

Doch dann kündigen riesige Touristenströme und zahllose Restaurants die nahe Kathedrale an. Unmittelbar davor noch ein Kebabstand und dann erscheint sie – eigentlich als ganzes Kirchenviertel mitten in der Stadt. Der Pilger mit dem Rennrad hat das Ziel erreicht.

Auch am Sonntag gibt es Verpflegung.

So viel wie ins Trikot passt

Nach dem Erfahren – jetzt im Schieben – der ganz besonderen Atmosphäre der Kathedrale mit all ihren dazugehörigen Plätzen und Gebäuden, wird das Bedürfniss immer stärker, das Priesterseminar ‚Seminario Menor‘ zu finden – dort sollte ein kleines Zimmer warten. Nach wenigen Minuten ist es gelungen. Das Seminario ist prächtig, der Empfang herzlich und die Klause mehr als ausreichend. Doch das Allerschönste: das Refektorium ist mit einer kleinen Einkaufsmöglichkeit und Kochnische ausgestattet. Dies bedeutdet nach dreizehn Stunden am Rad essen und trinken zu können was und wieviel man möchte. Danke.

Am nächsten Tag geht es gegen sechs Uhr gleich nach dem im Refektorium zubereiteten Frühstück weiter. Die Rückfahrt nach Porto soll entlang der Küste erfolgen. Die ersten drei Stunden wünscht sich der Fahrer nur eines – mehr von den wärmenden Sonnenstrahlen. Zur großen Überraschung hat es nur mehr vier Grad, was für einen Kurz-kurz-Fahrenden nicht allzuviel ist. Für mehr Gewandt war aber einfach kein Platz.

Die Routenwahl gelingt diesmal deutlich besser und kleine Einkaufsgelegenheiten entlang der Strecke ermöglichen herrliche Verpflegung auch am Sonntag. Mitten in den wunderschönen Weinbergen zeigt sich wieder eine ganz typisch portugiesische Eigenheit: eine sechs Kilometer lange steile Abfahrt über ein unglaublich rumpeliges Kopfsteinpflaster.

Rund hundert Kilometer vor Porto setzt sehr dichter Rückreiseverkehr entlang der Meeresküste ein. Meist ist jedoch für den Rennradfahrer der kleine rechte Straßenstreifen befahrbar. Wenn nicht, gibt es ein ähnliches Getümmel wie vor der Kathedrale.

„Vom Großen Schwarzen samt Apfelstrudel, oder seiner regionalen Entsprechung, sind es immer nur mehr eineinhalb Stunden zum Ziel. Überall auf der Welt.“

Ruhen

Die Klause im
Seminario Menor

Stärken

Danach sind es immer nur mehr
eineinhalb Stunden

Rütteln

Portugiesen lieben
Kopfsteinpflaster