Den Balkan erfahren

August

2017

In neuneinhalb Tagen in den Süden Griechenlands

Eigentlich ist der neue Routenplaner schuld. Kann er eine Strecke am Landweg von Graz nach Finikunda, dem Fischerdorf an der Südspitze der Peleponnes, finden? Dort war ich in den letzten 25 Jahren schon mit allen möglichen Transportmitteln: Auto, Wohnwagen, Autobus, Flugzeug und vor allem mit der Fähre. Meist gemeinsam mit meinen Kindern. Er findet die Strecke. 2000 Kilometer, 20.000 Höhenmeter, sieben Länder zu durchqueren. Einer der südlichsten Orte am griechischen Festland.

Dann einige Gedankenexperimente. Warum nicht mit dem Rennrad? Man kann ja auch auf den Mond radeln – zumindest im Gedanken. Es folgen Varianten mit dem Radfreund, mit Begleitboot. Dann wird es immer konkreter. In der doch eher schwierigen Form „solo-unsupported“ fahre ich am 15. August 2017 um fünf Uhr früh gegen Süden los. Mit dem Rennrad, das mich schon über den Himalaya und durch die zentraliranische Wüste brachte. Mit denselben beiden kleinen Packtaschen und dem Plan, in 14 Tagen Freunde in Finikunda zu treffen, mit denen ich schon vor 25 Jahren dort war. Um vielleicht wieder vor deren Wohnmobil zu schlafen. Das ist mittlerweile aber ein größeres.

Die Fotosammlung zum Anklicken …

Den Balkan erfahren …

Opatija am Abend

Auf Alt-Österreichisch: „Sankt Jakobi“

Erster Tag: von Graz nach Opatija

Von Graz geht es bei Dunkelheit, aber wunderschönem Wetter über Eibiswald in der Südsteiermark und den Radlpass nach Slowenien. Die erste Stärkung erfolgt in Trojane beim herrlichen Krapfenwirt. Bald wird die Untersteiermark verlassen und die Save überschritten. Nach 200 Kilometern wartet die Landeshauptstadt Laibach mit seiner mediterranen Altstadt.  

Nach einem herrlichen großen Espresso um einen Euro mitten im Grünen, die letzten eineinhalb Stunden der ersten Etappe sind erreicht, ist das zweite Land des heutigen Tages durchfahren. Es folgt das dritte: Kroatien. Nach 300 traumhaft schönen Kilometern blitzt plötzlich das Meer auf. Ja, es ist erreicht. Gleich mache ich ein Foto und whatsappe es an meine Lieben zu Hause. Ich ahne noch nicht, dass sie meine Fahrt während der nächsten neuneinhalb Tage laufend über den mitgeführten Satellitentracker verfolgen. Das soll mir noch sehr viel Kraft geben und Freude bereiten. Vor allem für die noch folgenden 1700 Kilometer, die nicht mehr so einfach werden sollten.

Zweiter Tag: Weiter nach Zadar

Am zweiten Tag geht es in der Früh von Opatija weiter in die Kvarner Bucht nach Rijeka. Dabei lerne ich, dass jedes noch so kleine Abweichen von der Küstenlinie unweigerlich zu einer ordentlichen Kletterei in den Bergen führt.

Nach der Abfahrt aus den Bergdörfer folgt zum ersten Mal die Auffahrt auf die berühmte Jadranska Magistrale, eine der schönsten Küstenstraßen der Welt. Trotz der in vielen Bereichen parallel verlaufenden neuen Autobahn ist der Verkehr während der Hauptreisezeit und Italiens Ferragosto so dicht, dass ich gut 10 Minuten auf eine Auffahrtsmöglichkeit warten muss. Der Verkehr soll bis Montenegro so bleiben.

Dritter Tag: Von Zadar nach Split

Am dritten Tag geht die Reise weiter nach Split. Die Verkehrshölle ist unbeschreiblich. Den Höhepunkt stellt der durch eine Irrfahrt notwendige Wechsel von einer Fahrtrasse der Autobahn auf die darunterliegende dar. Danach kommt, zumindest nach dem Durchfahrenen der Verkehrshölle, das Schönste an Split: eine Ortstafel, die sein Stadtende anzeigt. Oder frei nach Thomas Bernhard: in Split muss man nicht gewesen sein. Das hat er übrigens über Graz gesagt.

Hier gibt’s ihn noch, den Meinl

Kvarner Bucht bei Rijeka

Vierter Tag: Von Split nach Dubrovnik und weiter nach Montenegro

Der vierte Tag beginnt kurz nach Split mit dem Ziel Dubrovnik, um vielleicht sogar die Grenze zu Montenegro zu erreichen. Der Verkehr auf der Magistrale lässt nach, die Strände werden immer schöner. Die Einfahrt in Dubrovnik zeigt großartig, warum die Stadt als eine der schönsten am Mittelmeer gilt.

Kurz nach Dubrovnik wartet die Grenze zu Montenegro. Zunächst bin ich über den kilometerlangen Stau überrascht. Nach dem Vorfahren an der Kolonne erkenne ich aber bald die Ursache: eine scheinbar ewig dauernde Wachablöse mit herzlichen Begrüßungen, Umarmungen, Glückwünschen und Austauschen von Jausenpaketen.

Fünfter Tag: Entlang des Skutariesees nach Albanien

Gleich nach der Abfahrt am Morgen des 19. August passiere ich zahlreiche Wegweiser mit lateinischer und serbisch-kyrillischer Aufschrift. Letztere ist gerade in Küstennähe oft übersprüht. Wunderschön ist die Fahrt rund um die Bucht von Kotor. In der zum Weltkulturerbe erklärten Altstadt freue ich mich über eine wunderbare Bäckerei und stärke mich für die nächsten Stunden.

Weiter geht die Fahrt über Budvar durch das Landesinnere zum Skutarisee, dem mit dem Gardasee größten See Südeuropas. Stundenlang begegnen mir nur einige wenige, dafür aber besonders freundliche Bauern und Schafhirten. Touristen gibt es auf diesem angeblichen Schmugglerpfad keine.

Auch das Material wird hart geprüft

Allzuviele Reservesocken waren nicht mitdabei

Sechster Tag: Autobahn und Rumpelpiste in Albanien

Der sechste Tag ist lange Zeit eine wunderbare Überstellungsfahrt, die ersten 200 Kilometer auf bester Straße und ohne Berge auf einer Art Autobahn. Der entlang der Strecke liegende Markt erinnern mich an Afrika. Auf riesiger Fläche werden unterschiedlichste Waren feilgeboten. Eis oder Kühlschränke gibt es keine, dafür ist die Ware zu frisch. Die letzten 40 Kilometer sind genau das Gegenteil einer Autobahn. Eine unglaubliche Rumpelpiste – die passende Begleitmusik kommt von Phil Collins mit einem großartigen Schlagzeugsolo im Replaymodus.

Siebenter Tag: Ankunft in Griechenland

Der siebente Tag führt zunächst zum südalbanischen Badeort Seranda – und bringt eine ordentliche Kletterei über den Llogara-Pass, die höchstgelegene Küstenstraße Europas. Die Tagesetappe soll auf der Höhe von Korfu in Griechenland enden, bringt aber noch 3000 Höhenmeter. Die Strecke zur im Süden von Albanien gelegenen Halbinsel Ksamil ist hart und heiß, aber wunderschön.

In Ksamil angekommen, hoffe ich auf eine angebliche Fähre die mich weiter Richtung griechischer Grenze bringen soll. Ganz am Ende der Halbinsel sehe ich tatsächlich eine kleine Menschenansammlung und einige parkende Fahrzeuge. Aber weit und breit kein Fährenterminal oder gar eine Fähre. Genau in dem Moment wo ich nach der Fähre fragen will, erkenne ich sie: ein Floß direkt vor meinen Füßen, das an zwei Stahlseilen gezogen die rund 100 Meter der Meeresenge überwinden soll. Auf ihm finden nicht nur ich samt meinem Rad, sondern auch ein Auto und zahlreiche Fahrgäste Platz. Touristen sind keine darunter. Der eine Euro für die Überfahrt macht besonders viel Freude.

Am anderen Ufer angelangt geht die Fahrt weiter Richtung griechischer Grenze. Das siebente Land knapp vor Augen kommt es aber innerhalb weniger Minuten gleich zweimal zum wohl gefährlichsten Ereignis der gesamten Reise – zumindest im Sattel. Plötzlich schießen mehrere wild keifende, streunende Hunde von hinten auf mich zu und attackieren mit nur wenigen Zentimetern Abstand. Sie motivieren mich aber auch zu sportlichen Höchstleistungen im Sprintbereich. Mit Verdacht auf Tollwut irgendwo herumzuliegen wäre nicht so toll. Ja, fast so gefährlich wie der Taxifahrer mit dem verlorenen Eis zu Beginn der Reise in Opatija.

Ein gutes Gefühl, am Abend des siebenten Tags Griechenland zu erreichen. Bei der Ankunft im kleinen griechischen Grenzort Sagiada frage ich im Supermarkt nach einer Übernachtungsmöglichkeit, werde an die benachbarte Bäckerei verwiesen, die dortige Chefin ruft ihren Sohn an und der kommt nach einigen Minuten mit seinem Moped um mich in eine wunderschöne Appartementanlage zu geleiten.

Auf was man alles achten muss …

Wildwechsel in den Bergen

Achter Tag: Herrlich frisches Brot

Die folgende Tagesetappe am achten Tag führt über ruhige 222 Kilometer weiter in den Süden nach Agrino. Die herrlich kühlen 31 Grad laden zum Kilometersammeln ein. Ich stärke mich wie so oft bei einer Bäckerei am Straßenrad, genieße es aber diesmal besonders. Nicht nur wegen dem wunderbar frischen Brot, belegt mit den mitgebrachten Bananen, sondern auch wegen der besonders freundlichen Chefin. Sie bringt mir während ich wie immer am Boden vor dem Geschäft sitze, einen Sessel.

Die Einfahrt in Agrino ist ewig lang – ihr folgt die ebenso lange Ausfahrt. Selbst nach einem harten Tag erkenne ich, dass hier vielleicht etwas fehlt: das Stadtzentrum. Aber so ist es halt, wenn man die Umfahrungsstraße wählt. Also durchfragen, Hotel finden, Abendgarderobe machen und großartigen Griechischen Salat, Chicken Gyros und Patates essen.

Neunter Tag: Der Mann mit dem Hammer kommt

Am vorletzten Tag geht es nochmals richtig in die Berge um die Peloponnes zu erreichen. Der Umweg entlang des südöstlich gelegenen Trichonida-Sees, dem größten See natürlichen Ursprungs in Griechenland, lohnt sich. Die Strecke ist wunderschön. Und dann erscheint das Meer am Horizont, bereits mit der so sehr erwarteten Rio-Andirrio-Brücke, die Westgriechenland mit der Peloponnes verbindet.

Als ich mich ganz unauffällig am Schranken für LKWs vorbeischwindeln will, stürmt plötzlich eine Amtsperson daher. Sie ordnet an, das Rad seitlich über die Leitplanken zu heben. Das war’s dann wohl. Einen Meter später, gleich hinter dem Schranken, darf ich mein Rad aber wieder auf die Brücke heben – mit freundlicher Hilfe des Uniformierten. Tatsächlich befindet sich neben der Fahrbahn ein schmaler Pannen- und Wartungsstreifen.

Bis zur Ankunft am nächsten Tag in Finikunda und viele Tage danach begleitet mich ab jetzt auf Schritt und Tritt und auch im Liegen der Mann mit dem Hammer. Jede Bewegung ist besonders mühsam, die Leistungswerte sind im Keller. Der letzte 200er, die Fahrt nach Pyrgos, ist am Limit. Dafür bringt der Mann mit dem Hammer die Appetitlosigkeit, gemeinsam mit ihrem Gegenteil. Beide stehen mir noch Tage nach der Zielerreichung treu zu Seite.

Hier gab’s die große Niederlage für das osmanische Reich

Die Bucht von Navarion bei Pylos

Zehnter Tag: Ankunft in Finikounda

Der 24. August ist der letzte Tag des so eindrucksvollen, aber ebenso schwierigen Projekts „Den Balkan erfahren“. Nach kargem Frühstück in Pyrgos wird als nächstes Ziel Kyparissia angesteuert. Doch schon nach 40 Kilometern fahre ich bei einer Tankstelle rechts ran, lehne mein Rad an eine Einfahrtsmauer, lege mich auf den Asphalt und schlafe sofort tief und fest ein. Ich werde erst munter, als mir eine alte Griechin freundlich-mitleidsvoll eine Styroporplatte zum Unterlegen bringt. Weiter geht’s die verbleibenden 100 Kilometer nach Methoni. Auch heute begleitet mich wieder der Mann mit dem Hammer. Es folgt die kurze Durchfahrt durch Pylos.

Danach kommt der letzte Anstieg und dann das Ortsschild von Methoni. Dort ist das seit Tagen immer wieder zur Motivation stundenlang bildhaft vorgestellte Treffen mit Günter und Petra vereinbart. Am Hauptplatz, beim Kinderspielplatz neben der Burg. Der Spielplatz samt Baum ist gefunden, das Rad angelehnt und endlich liege ich im Sand – der größte Wunsch der letzten Stunden. Bald die erlösenden Stimmen der Freunde. Sie ziehen mich über die letzten 10 Kilometer nach Finikunda und radeln gemeinsam mit mir bei Loutsa ein.

Direkt bei der Einfahrt mache ich noch ein Foto und schicke eine Nachricht nach Hause. Einige haben die Einfahrt aber bereits, so wie in den letzten Tagen, live im Satellitentracking verfolgt. Sie wissen wohl noch vor mir von meiner Ankunft. Selbst realisiere ich sie erst schön langsam in den nächsten Tagen beim Lesen meiner abgeschickten Nachricht:

„Liebe Freunde, genau an dieser Stelle bin ich vor fünf Jahren das erste Mal von einem Rennrad gestiegen und gleich umgefallen. Die Beine waren nach einem 15er völlig leer. Jetzt komme ich gerade aus Graz. 1. Etappe nach Opatija, dann der gesamten Küste in Kroatien entlang, Montenegro, Albanien, Patra in Griechenland und das Ziel: ein Fischerdorf auf der Südpeloponnes. 2050 Kilometer in neuneinhalb Tagen, solo-unsupported und wunderschön! Fotos folgen, liebe Grüße Otto.“

„2050 Kilometer durch sieben Länder in neuneinhalb Tagen, solo-unsupported und wunderschön!“

Ruhen

Die Klause im
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Stärken

Danach sind es immer nur mehr
eineinhalb Stunden

Rütteln

Portugiesen lieben
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