Von der Ostsee zum Zentrum Europas

Juli

2017

Durchquerung von Litauen an einem Tag – bei strömendem Regen

Am Samstag kommen mein Rennrad und ich gut am Flughafen der litauischen Hauptstad Vilnius an. Schwieriger ist es, das über AirBnB gebuchte Zimmer zu finden – zu versteckt ist der Eingang im dichten Gebüsch. Doch dann gleich rauf in den ersten Stock um das Colnago zusammenzubauen, die Satteltasche zu packen und die Radsachen anzuziehen. Am Rennrad geht es beim pünktlich einsetzenden Regen Richtung Busbahnhof.

Jetzt kommt der vielleicht schwierigste Moment der Reise: kann der Buschauffeur überredet werden, das Rennrad im Gepäckraum ans andere Ende des Landes mitzunehmen, obwohl der für den Radtransport vorgesehen Bus erst in vier Stunden fährt? Eigentlich gelingt es trotz ‚Bitte-Bitte’ nicht. Das Maximum ist, dass der Autobusfahrer wegsieht als der Rennradfahrer in den Gepäcksraum kraxelt um sein Rad tief im Inneren des Autobusses transportsicher zu verstauen. Unter dem eher bösen Gemurmel verkauft der eine Fahrer dem andern dann zwei Tickets und bringt beide, mich und das Rad, nach vier Stunden Fahrt gut von Vilnius im Osten rauf in den Westen nach Klaipėda an der Ostsee. Dort dann raus mit dem Rad und weiter geht es im vertrauten Regen ins Quartier für eine sehr kurze Nacht. 

Immanuel Kant

Er hat in Königsberg, der heutigen russischen Enklave ‚Kaliningrad‘ gelebt.

Ganz in der Nähe wird Immanuel Kant geboren

Litauen ist neben Lettland und Estland der dritte baltische Staat. Er grenzt auch an Weißrussland, Polen und die russischen Exklave Kaliningrad – für uns besser bekannt als Königsberg. Hier wird Immanuel Kant geboren, studiert hier, wird hier an die Universität berufen und stirbt auch in Königsberg. Dazwischen veröffentlicht er 1781 seine Kritik der reinen Vernunft – eines der bedeutendsten Werke der abendländischen Philosophiegeschichte. Bis 1795 ist Litauen ein Großfürstentum, lange Zeit als polnisch-litauische Union. Ab 1795 kommt es unter russische Oberhoheit, ist zwischen 1918 und 1940 eine selbständige Republik, um bis 1990 wieder Teil der Sowjetunion zu werden. Die Grauen der Besatzung durch die Nazis von 1940 bis 1944 und die Sowjetunion bis 1990 zeigt die Besichtigung der ehemaligen Zentrale von GESTAPO und KGB mitsamt dem Foltergefängnis in Vilnius. Heute ist Litauen Mitglied der Europäischen Union, der NATO und der Eurozone.

Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung sind Litauer, der Rest vor allem Polen und Russen. Das Litauische gehört wie das Lettische, nicht aber das Estnische, zu den baltischen Sprachen und diese wiederum zur indogermanischen Sprachfamilie. Litauen kämpft mit einem starken Rückgang der Bevölkerung. Seine heute 2,8 Millionen Einwohner waren 1992 noch über 3,7 Millionen. Die Ursache hierfür ist einerseits eine starke Auswanderung insbesondere in das Vereinigte Königreich, nach Irland und Norwegen. Der zweite Grund ist ein hoher Sterbeüberschuss. Litauen ist weltweit eines der Länder mit den anteilsmäßig meisten Alkoholtoten bei Männern und Frauen, hat weltweit die höchste Selbstmordrate und liegt auch bei den Tötungsdelikten an der europäischen Spitze.

Studentenzimmer

schaurig-bohemehaft

Die Fahrt beginnt mit einer endlos langen Baustelle

Um vier Uhr in der Früh läutet der Wecker und nach kleinem Frühstück wird das leider notwendige Regengewand angezogen. Schon nach wenigen Kilometern Fahrt kommt die erste lange Tragepassage. Die Straße ist weg, eine scheinbar endlos lange Baustelle ersetzt sie. Schon bald fängt der Fahrradcomputer zu piepsen an. Nicht etwa um eine Routenabweichung zu signalisieren, sondern bedingt durch einen Defekt im Anschluss für den externen Akku. Das ist so ziemlich das Schlimmste. Der eingebaute Akku reicht im Navigationsmodus nur für wenige Stunden, der Rest der Fahrt wird also zum Glückspiel werden. Ich kann zwar fahren, weiß aber nicht wohin.

Sogar ein Lebensmittelgeschäft hat geöffnet

Die ersten 350 Kilometer gehen trotzt Dauerregens hervorragend. Das Fahren im Auflieger ist bequem, die Opern von Bellini und Mozart sind großartig und der Schnitt liegt bei über 30 Stundenkilometern. Sogar ein Lebensmittelgeschäft hat am Sonntag geöffnet. Also reichen auch die Kalorien bis zum Ziel nach geplanten 400 Kilometern und vierzehn Stunden am Rad.

Doch dann wird die Welt eine andere. Der Fahrradcomputer samt Navigation hat endgültig den Geist aufgegeben und es folgt eine mehr als zweistündige Irrfahrt durch tiefe Gatschstraßen die oft auch richtig steil sind. Die einzige Hilfe um hier wieder auf Asphalt zu stoßen ist das iPhone – wegen des Starkregens ist jedoch der Touchscreen kaum zu bedienen. Statt den erhofften 60 Kilometern bis zum Ziel zeigt es zu meinem Schrecken aber plötzlich noch 130 Kilometer an. Doch irgendwann hat alles ein Ende. Da die angepeilte Ankunftszeit in Vilnius nicht mehr realistisch ist, wird gleich die große Lichtanlage montiert. Nach siebzehn Stunden im Sattel und 440 Kilometern sollten es nur mehr 10 Kilometer bis zum Quartier sein. Ein kurzer Blick auf das Smartphone führt jedoch zu einem Verzweiflungsschrei. Plötzlich sollten noch weitere 70 Kilometer anstehen – so nahe war doch schon das Ziel. Doch wieder ist es ein Navigationsfehler, diesmal aber ein technischer.

Nach siebzehneinhalb Stunden und 450 Kilometern

Die Erlösung nach siebzehneinhalb Stunden, 450 Kilometern und über 10.000 verbrauchten Kilokalorien ist der noch immer gut versteckte Eingang in das Zimmer der Studentenwohnung, die ewiglange heiße Dusche und das Leeressen der benachbarten Creperia. Wieder ist die Nacht sehr kurz, das Frühstück aber umso länger. Litauen ist im Starkregen an einem Sonntag von der Ostsee bis zum geografischen Mittelpunkt Europas zur Gänze durchfahren.

Fotolabor

Analoge Fotografie im Foltergefägnis

Das Museum der Opfer des Genozids befindet sich in dem Gebäude, das bis 1940 der sowjetische KGB, dann die deutsche Gestapo und nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1980er Jahre wieder der KGB für Verhöre, Folterungen und Hinrichtungen politischer Gegner nutzten.

„Nach siebzehneinhalb Stunden und 450 Kilometern ist die Creperia gegenüber der Studentenwohnung einfach herrlich!“

Ruhen

Die Klause im
Seminario Menor

Stärken

Danach sind es immer nur mehr
eineinhalb Stunden

Rütteln

Portugiesen lieben
Kopfsteinpflaster