Zum Großglockner

Juni

2017

Non.-stop zum Großglockner

Der Glocknerman ist eine Extremradveranstaltung für Einzel-und Teamfahrer und einer der ältesten Ultraradmarathons der Welt – er ist zugleich die Weltmeisterschaft. Ziel ist, die gesamte Strecke ohne Pausen für Verpflegung und Schlafen zu fahren. Die Siegeszeiten liegen bei 19 Stunden für die 460 Kilometer lange Strecke und bei 38 Stunden für die 1000 Kilometer.

Start ist in der steirischen Landeshauptstadt Graz. Die drei Strecken Ultra, Classic und Sprint führen zum Großglockner und durch das Lesachtal. Die Sprintstrecke endet am höchsten Berg Österreichs, die beiden anderen führen wieder zurück nach Graz. Im Jahr 2017 gehen insgesamt 45 Teilnehmer an den Start, alle gemeinsam mit ihrer Mannschaft im Begleitfahrzeug. Die Mannschaftsgröße schwankt zwischen zwei und zehn Begleitern. Sie sorgen für die Navigation, die laufende Verpflegung meist aus dem Auto heraus während der Fahrt und vor allem für die Motivation des Fahrers.

Jacob Zurl

Nicht nur perfekter Organisator sondern auch großer Tipp-Geber

Drei Rookies geben ihr Bestes

Während der Nachtzeiten muss der Radfahrer im Lichtkegel des Begleitautos fahren.  Das bedeutet, dass der Autolenker ständig hinter dem Radfahrer fährt. Dessen Geschwindigkeit beim Überqueren der Bergpässe schwankt zwischen acht und 80 km/h. Die Bremsmanöver sind im Rennradsport gerade bei Abfahrten sehr scharf und Bremslicht gibt es keines. Gerade die Nacht erfordert höchste Konzentration der Begleitfahrer – insbesondere bei strömendem Regen wie in diesem Jahr.

Das Wichtigste für einen Rookie, also einen Rennfahrer der nicht nur das erste Mal beim Glocknerman startet, sondern überhaupt bei einem Ultraradmarathon, ist eine starke Mannschaft. Mit Josi und Erich ist das gelungen, wenn auch beide genau die gleichen Rookies sind. Doch das machen sie durch unglaubliches Engagement und perfekte Vorbereitung wett.

Wochenlange Vorbereitung

Viele Woche vor dem Start beginnen die Vorbereitungen. Die Liste mit den mitzunehmenden Dingen wächst bald auf über fünfzig. Sie reicht von unterschiedlichen Nahrungskonzentraten für die gewählte Ernährungsstrategie, über Zusatzakkus für den Fahrradcomputer und die Lichtanlage bis zur motivierenden Musik. Wird es Maria Callas werden oder doch AC/DC? Geworden ist es hauptsächlich griechische Musik. Warum weiß wohl nur Zeus.

Das Auto wird mit Warnblinkanlage am Dach, Radträger für das Reserverennrad und den Rücktransport der Hauptmaschine und allen vorgesehenen Beklebungen mit Startnummern und Warnhinweisen für den Autoverkehr versehen. All das wird tatkräftig von Jacob mit seiner Erfahrung unterstützt –  auch aus seinem Glocknermansieg in der Ultra-Klasse. Jedes Ernährungsprotokoll, jede Sitzposition des für die Verpflegung während der Fahrt zuständigen Betreuers, jede Fülltechnik für die Trinkflaschen wird optimiert. Am Vortrag erfolgt der Check-in. Die Startnummer wird abgeholt, das Begleitfahrzeug und die Rennräder von der Jury auf Regelkonformität überprüft und das letzte Fahrerbriefing durchgeführt. Am Donnerstag erfolgt nach dem ‘Schaulaufen’ aller Teilnehmer durch die Grazer Innenstadt der Start beim Center West.

„Das Team im Begleitfahrzeug ist genauso wichtig wie der Fahrer. Alle drei geben ihr Bestes“

Begleitfahrzeug

Fast eine Materialschlacht

Die ersten 400 Kilometer gehen großartig, auch die Nacht

Die ersten 250 Kilometer gehen großartig. Kein einziger Halt ist notwendig, nicht einmal weil die Natur ihr Recht fordert. Die Verpflegung aus dem Auto funktioniert hervorragend. Die Funkverbindung zwischen mir und meiner Mannschaft nur gelegentlich – sie ist aber auch gar nicht nötig. Bei einsetzender Dämmerung erfolgt zeitweise zur Abwechslung die Verpflegung auch vom Straßenrand. Wie lange das Begleitfahrzeug vorfahren muss, errechnet sich auch Jacob’s Formel. Bei Einbruch der Nacht beginnt nicht nur das bergige Lesachtal, sondern auch ein Gewitterregen, der nahezu die ganze Nacht anhält. Sein Nachlassen macht den einsetzenden Morgen noch schöner – beides wird von mir mit einem lauten Freudenschrei begrüßt.

Die Abfahrt bei regennasser Straße nach Lienz ist schwierig, verläuft aber gut. Die Auffahrt auf den Iselsberg zeigt jedoch bereits zurückgehende Leistungswerte. Beim vorgeschriebenen Halt in Winklern zur Unterschrift steige ich sehr vorsichtig vom Rad – und falle trotzdem einfach um. Die Beine sind leer. Die Ursache dafür ist wohl meine bekannte Schwäche, der Gleitwirbel in der Lendenwirbelsäule in Verbindung mit dem schrägen Sitzen am Sattel während der letzten 14 Stunden. Hätte ich den nicht, wäre ich noch Speerwerfer.

Das Team ist sehr wichtig

Die Starter mit ihren Teams

Bis zum Großglockner geschafft

Der Kampf beginnt, in Heiligenblut wird die erste Pause von 20 Minuten eingelegt, dann bei der Mautstelle auf den Glockner nochmals eine Stunde. Die Beine bleiben tot. Ich steige ab und beende das Rennen. Alle drei haben ihr Bestes gegeben und das ist das Wichtigste. Ein unglaubliches, einzigartiges Erlebnis geht dem Ende zu. Nach 435 Kilometern, 19 Stunden im Sattel, 6.500 bewältigten Höhenmetern und 13.000 verbrauchten Kilokalorien.

Nach der Abfahrt im Auto zum Quartier in Heiligenblut schmeckt das erste “normale” Essen nach mehr als 30 Stunden besonders großartig. Das Schlafbedürfnis hält sich in Grenzen, die Sauna wird genossen. Eigentlich alles noch während der Karenzzeit. Das Team hätte auch nach der Sauna die Auffahrt auf den Großglockner machen können. Das wäre dann aber wohl eine andere Sportart geworden – eher ein Etappenrennen.

Am nächsten Tag fahren Josi, Erich und ich, diesmal mit zwei Rädern am Dach, nach Graz zurück. Alle drei tragen wir nun ein tolles Erlebnis in sich herum – wohl für immer.

Ruhen

Die Klause im
Seminario Menor

Stärken

Danach sind es immer nur mehr
eineinhalb Stunden

Rütteln

Portugiesen lieben
Kopfsteinpflaster