Harte Hunde sind sie schon gewesen.

Mit fünfundvierzig Jahre altem Rennrad auf 210 km durch die Weinberge der Toskana

Die l’Eroica ist kein Oldtimerrennen für Räder. Das mussten wir lernen. Nicht das Schaulaufen mit tollen technischen Dingen aus der guten alten Zeit steht im Mittelpunkt, sondern das Erfahren einer herrlichen Natur über Schotterstrassen, mit beinharten Übersetzungen, sehr schwierigen Schaltungen und nur einer einzigen Trinkflasche aus Blech. Was wir lernten: Harte Hunde waren sie wirklich.

“Wir möchten Menschen ermöglichen die Schönheit der Erschöpfung wiederzuentdecken  und den herrlichen Geschmack der Zielerreichung” Giancarlo Brocci, Initiator der L’Eroica

 

‚Der Turiner Rahmenbauer Elio zeigte sein ganzes Können. Vor 45 Jahren.‘

In den Siebzigerjahren wurden in Turin vielleicht die besten Rennräder der Welt gebaut. Das Elio wiegt nur neun Kilo, ist sehr fahrstabil, allerdings beinhart übersetzt. Damals fuhr man viel härtere Gänge, auch weil man nur zehn davon hatte – und es war ein reines Profirad. Die Campagnolo Nuovo Record erfordert beim Schalten sehr viel Feingefühl. Die Gänge rasten nicht am jeweiligen Ritzel ein, sondern müssen in Millimeterarbeit gesucht werden. Etwas zu viel wirft die Kette ohne Vorankündigung einfach vom Kettenblatt. Bereits die 100 Kilometer lange Probefahrt am Vortag fordert ihr Tribut: Lockeres Tretlager und gerissenes Schaltseil. 

 

 

‚Eine Materialschlacht und tiefe Dankbarkeit‘

Beim Rennen platzt nach 80 Kilometern der erste Schlauchreifen, aber es gelingt die schnelle Montage des mitgeführten Reservereifens. Unterwegs gibt es keinerlei Unterstützung, erst bei der nächsten Laabestation – vielleicht. Und die ist 50 Kilometer entfernt, bei normaler Geschwindigkeit kein Problem, aber auf steilen Schotterstrassen …

Wenn jetzt noch ein Defekt folgt – keine Ahnung wie es weitergehen kann. Vielleicht nimmt mich ein Traktor mit. Doch nach den 50 Kilometern gibt es nicht nur herrliches Essen, sondern auch Schlauchreifen zu kaufen. Am liebsten würde ich den Mechaniker vor lauter Dankbarkeit umarmen. Insgesamt verbrauche ich vier Schlauchreifen, normalerweise reicht das für eine ganze Saison. Auch den Streckenposten der mich 60 Kilometer vor Gaiole noch auf die lange 210er Runde lässt obwohl ich schon spät dran bin rufe ich ein herzliches Grazie, Grazie tante zu. Die letzten zwei Stunden geht es dann in der Finsternis im Blindflug zum Ziel, natürlich ist auch das Licht defekt. Und dann wird nach fünfzehn Stunden die erstbeste Bar leergegessen. Herrlich!

 

‚Es gibt was die Mama gekocht hat‘

Der Piazzo del Campo in Siena ist vielleicht einer der schönsten Plätze der Welt. Nicht nur weil zweimal jährlich der Palio rund um ihn herum stattfindet, eines der härtesten Pferderennen der Welt. Behinderungen der anderen Reiter, auch mit der Peitsche, sind ausdrücklich erlaubt. Auch muss kein Pferd gemeinsam mit seinem Reiter ins Ziel kommen, ohne ihn ist es ohnehin schneller.

Direkt am Campo essen wir in der wunderbaren Osteria Le Torre. Diesmal ist der Chef ein anderer, fragt gleich ob ich die l’Eroica gefahren bin und gratuliert herzlich dazu. Beim letzten Mal war sein Vater so freundlich und davor auch noch seine Oma, die frische Nudeln machte. Dafür ist heute im Service das Urenkerl unglaublich aufmerksam. Das Essen ist wie immer seit vier Generationen einfach großartig. Es gibt keine Speisekarte, sondern das was die Mama gekocht hat.